Edwin Scharff

Ehrenmal, 1931/32

„Edwin Scharff, geb. in Neu-Ulm, schuf dieses Mal“ liest man auf dem 1932 geschaffenen Ehrenmal auf dem Schwal, der Donauinsel zwischen Neu-Ulm und Ulm. Denkmale geben in besonderer Weise den Anlass, über ihre Bedeutung nachzudenken. Gerade nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs entstanden sehr viele neue Gedenkorte, insbesondere für die im Krieg gefallenen Soldaten, die selten in Heimaterde begraben wurden: Sie sollten den Hinterbliebenen auch einen Ort zum Trauern bieten. Das bildnerische Spektrum solcher oft „Ehrenmal“ genannter Monumente ist groß – von der raumgreifenden Platzanlage reicht es über kleinere Architekturen und Statuen bis zur einfachen Gedenktafel.

Ergänzung

Edwin Scharffs Ehrenmal nimmt in dieser Hinsicht eine prominente Stellung ein. Als hoch aufragende Landmarke bildet die voluminöse Stele gemeinsam mit der umfassenden flachen Ufermauer nach Osten hin einen schiffsartigen Abschluss der Donauinsel. Die Aufstellung geht auf Anregung Scharffs zurück. Vier Reliefs an den Außenseiten zeigen keine Soldaten, sondern Zivilpersonen: die Mutter mit Kind, Vater und Sohn, Fischer (Greis), die trauernde Frau. Die Inschrift „1914-1918 UNSEREN GEFALLENEN“ sowie die Wappen von Neu-Ulm und von Bayern signalisieren die offizielle Funktion des Denkmals. Die Bilder Scharffs geben jedoch die Perspektive frei auf die übrige Bevölkerung. Später wurde das Denkmal – nach der Zustimmung Scharffs – auch den Opfern des Zweiten Weltkriegs gewidmet.

Kommentar

Mit dem Auftrag für das Denkmal auf der erst seit 1930 öffentlich zugänglichen Insel markierte die Donaustadt eine kulturell sehr moderne Position – ähnlich wie bei der kurz zuvor fertiggestellten Kirche St. Johann Baptist. Wie sie war das Denkmal auch aus Steinen der ehemaligen Festung entstanden – „gewissermaßen aus dem Leib der befestigten Stadt geboren“, wie eine zeitgenössische Quelle es damals umschrieb. In heutigen Worten könnte man eine solche Verwendung des Materials „Konversion“ nennen. Edwin Scharffs Reliefs rücken die Hinterbliebenen ins Blickfeld – anders als zahlreiche Denkmale dieser Zeit, die Soldaten abbildeten und mitunter auch heroisierten. Wenn man das Ehrenmal umschreitet, wirkt die Folge der dargestellten Personen wie die Skizze zu einer Erzählung. Es fällt auf, dass sie alle nur mittelbar am Krieg beteiligt sind und dennoch in Mitleidenschaft gezogen werden. Vielleicht ist es ein Hinweis, dass ein Krieg jeden trifft. Der Künstler hatte selbst am Ersten Weltkrieg teilgenommen und war schwer verwundet worden. Sein Bruder starb als Soldat in diesem Krieg.

Impuls

Ergibt sich ein Zusammenhang zwischen dem Anlass und dem Ort der Aufstellung, der idyllischen Inselspitze in der Donau? Was verändert sich, wenn man sich dort eine Versammlung vorstellt, wie sie bei der offiziellen Eröffnung des Mahnmals stattfand? Gibt es eigentlich auch Ortschaften ohne Kriegerdenkmal?

Zweiter Blick

Detail: Hält der Vater den Sohn zurück? Schützt er ihn?

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