Ingo Glass

Pyramidenstrebe, 1993

Die rote, turmartige Konstruktion aus Stahlprofilen am Herbelhölzle in Neu-Ulm ist ein Werk des aus Rumänien stammenden Künstlers Ingo Glass. Sie ist der Endpunkt eines stolzen Vorhabens: Seit 1976 entwickelte er sein „Donauprojekt“. Auf mehr als 2200 Stromkilometern von Galatz/Rumänien bis nach Neu-Ulm erstreckt sich eine Reihe skulpturaler Landmarken entlang der Donau, beispielsweise in Regensburg, Ingolstadt, Dunaújváros/Ungarn oder Budapest. Seine Skulpturen aus Stahlblechen sind häufig aus geometrischen oder stereometrischen Formen zusammengesetzt und einfarbig gefasst. Wer bei seiner roten Skulptur in Neu-Ulm an gotische Türme denkt, entdeckt weitere Themen, die den konkreten Künstler immer wieder beschäftigt haben: das Fragile und gleichzeitig zum Himmel Strebende der Gotik, aber auch die Skulpturen seines rumänischen Landsmanns Constantin Brancusi, über die Glass eine Doktorarbeit verfasste.

Ergänzung

„Dem Geist Raum lassen – dem Raum Geist geben“: so hat Ingo Glass wiederholt seine künstlerische Überzeugung in kurze Worte gefasst. Raum kann dabei Unterschiedliches sein: der konkret von seinen Stahlkonstruktionen umschlossene Raum, der sich über die Richtungen der massiven Stahlbleche erschließende Umraum oder auch der Gedankenraum, den die Formen eröffnen.

Kommentar

Zu Fuß oder mit dem Fahrrad entlang des Stroms zieht sich der Donauwanderweg und bietet eine Folge höchst unterschiedlicher Eindrücke und Wahrnehmungen. Wichtige Monumente wie das Ulmer Münster, die Walhalla bei Regensburg oder die antike Tafel (Tabula Trajana) in Ogradina prägen sich besonders ein; an die wiederkehrenden Schilder, an einander ähnelnde Brücken oder Stationen wird man sich wahrscheinlich weniger genau erinnern. Die Skulpturen von Ingo Glass nehmen hier eine eigentümliche Zwischenposition ein, ihr stets gleiches Ausgangsmaterial Stahlblech und die jeweils ähnliche Konstruktionsart erschweren bei flüchtiger Betrachtung, das Erkennen ihrer Unterschiede. Wer sich jedoch die Zeit nimmt, die individuellen skulpturalen Formen und ihre unterschiedliche Farbgebung intensiv zu betrachten, kann in seinen Landmarken nicht nur Gemeinsames und Ortsübergreifendes entdecken, sondern auch Bezüge zum jeweiligen Ort. So spielt die „Pyramidenstrebe“ in Neu-Ulm mit den Formen der Gotik, die beispielsweise ebenfalls das Ulmer Münster prägt.

Impuls

Schon im Titel signalisiert Glass mit den Worten „Pyramide“ und „Strebe“ zwei unterschiedliche Komponenten. Aber in welche Richtung geht seine Skulptur eher: in die der Architektur oder die der Konstruktion? Die Proportionen und ihr Verhältnis zur Umgebung eröffnen unterschiedliche Möglichkeiten – man kann sie als monumentale Skulptur oder an menschlichen Proportionen orientierte Behausung betrachten. Wie nehmen Radfahrer sie dann wahr, wie Fußgänger? Und wie erleben oder nutzen Tiere die Skulptur?

Zweiter Blick

Detail: "Kreuzgrat" der Pyramidenstrebe

Seitenblick

Am nahegelegenen dreieckigen Platz zur Augsburger Straße hin erblickt man einen bemerkenswerten Fassadenschmuck. Er ziert das von Friedrich Schäfer 1909 als eigenes Wohnhaus erbaute Jugendstilgebäude. Geht es hier um Aufgaben und Leidenschaften des Architekten?

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